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Spielplatz: Zu sicher ist sicher gefährlich

Das Digitaljournal von TÜV SÜD Product Service

Spielplatz: Zu sicher ist sicher gefährlich

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Warum das beherrschbare Risiko zum Spielplatz dazugehört 

Für Spielplätze gilt, was auch auf Haushaltsgeräte, Sportausrüstung oder Lebensmittel zutrifft: Der Sicherheitsanspruch ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter gestiegen. Regelungen wurden in mehreren Stufen strenger, Anforderungen höher. Die Ergebnisse sind interessant: Die erste umfängliche Normung von Spielplatzgeräten in den 1980er Jahren erhöhte ihre Qualität deutlich und verbesserte die Sicherheit1.  Danach jedoch ändert sich das Bild: Die weiteren Anforderungen, die die europäische Norm seitdem mit sich brachte und immer noch bringt, führten zu keinem weiteren Gewinn an Sicherheit. Gibt es also einen Punkt, ab dem eine Überregulierung dazu beiträgt, dass neue Risiken entstehen – und darüber hinaus Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern massiv negativ beeinflusst werden?

Spielplatz - Risiko versus Sicherheit

Warum das Spielen für Kinder so wichtig ist 

Spielen ist für Kinder viel mehr als eine Freizeitaktivität, sondern ein instinktives und notwendiges Verhalten. Denn hier entwickeln Kinder Fähigkeiten und Kompetenzen für das spätere Leben. Und dabei ist nichts bedeutender als das Kennenlernen der eigenen Grenzen: Ellen Sandseter von der Queen Maud University in Trondheim zeigt beispielsweise in einer Studie, dass Kinder den Umgang mit Risiken dazu nutzen, Ängste abzubauen. So besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Klettern an hohen Gerüsten und der Entwicklung von Höhenangst im Erwachsenenalter.2  Eine Vielzahl an Versuchen, diese Herausforderungen zu meistern und zunächst regelmäßig zu scheitern, ermöglicht den Erwerb von Risikokompetenz: Wo liegen Gefahren? Und wie muss ich in bestimmten Situationen reagieren? Ein gutes Beispiel für die Entwicklung dieser Risikokompetenz ist das Balancieren, etwa auf einem Balken. Wenn die Unsicherheit zunimmt und das Gleichgewicht mehr und mehr verloren geht, planen die Kinder schon den Ausstieg: Wann springe ich ab, wohin springe ich, benötige ich noch eine Unterstützung mit der Hand, wie muss ich den Sprung abfedern?

Die Gefahr der Risikovermeidung

Dass Kinder im Spiel Risiken begegnen und lernen, sie zu bewältigen, ist also sowohl natürlich als auch enorm wichtig. Dennoch handeln wir dieser Erkenntnis heute immer häufiger zuwider – auch und gerade in der Erziehung. Sehr klar wird diese Tendenz im Begriff der Helikopter- oder Bulldozer-Eltern, also Eltern, die ihre Kinder niemals aus den Augen lassen und schon im Vorfeld alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Dabei ist sich die Wissenschaft einig: Kinder, die durch übervorsichtige Eltern aufgezogen werden, entwickeln bedeutende Charakterzüge wie gesundes Selbstvertrauen, Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und Selbstständigkeit nicht in gleichem Maße wie Kinder, die ihrem Alter und ihrer Fähigkeiten gerechten Risiken ausgesetzt werden. Sehr prägnant fasst es Anita Bundy von der Universität in Sydney zusammen: „Es ist ein Risiko, wenn es kein Risiko mehr beim Spielen gibt!“3 Gerade auf dem Spielplatz wird deutlich, wie wahr diese Worte sind. Denn seit etwa zwei Jahrzehnten sind hier ganz neue Risikoquellen entstanden, die mit der Vermeidung von Risiken zu tun haben: So verunglückte vor allem in Skandinavien eine größere Anzahl an Kindern durch das Beklettern von Spielgeräten oder Bäumen mit Fahrradhelmen, was zu tragischen Strangulationen führte. Neben allgemein technischem Versagen durch mangelhafte Gerätewartung sind die Hauptursachen für derart schwerwiegende Unfälle also unpassende Kleidung mit zum Beispiel Kordeln oder mitgebrachte Gegenstände wie Schnüre. Mit Verweis auf die Unfallmuster der letzten 18 Jahre weist TÜV SÜD-Spielplatzexperte Franz Danner deshalb darauf hin, „dass die Unfälle nicht durch ein zu hohes Spielrisiko der Geräte ausgelöst wurden“. 

Das immer höhere Sicherheitsbedürfnis hat noch eine weitere Konsequenz: immer eintönigere Anlagen ohne große Höhen, loses Material, Steine oder veränderbare Räume. Diese monotonen Spielflächen lassen Kinder auf angrenzende Dächer, Masten, Baustellen oder Verkehrsflächen ausweichen, die eben mehr Spannung versprechen, aber tatsächlich gravierende Gefahren bergen. Daneben erzeugt Langeweile Aggressionen gegenüber anderen Kindern und konterkariert so eventuell positive Schutzmaßnahmen.

Der goldene Mittelweg: Das kalkulierbare Risiko

Wie sollte aufgrund dieser Erkenntnisse also der optimale Spielplatz beschaffen sein? Kinder brauchen für ihre Entwicklung Herausforderungen und kalkulierbare Risiken. Der Spielplatz als zugängliche, geschützte Umgebung muss genau diese kalkulierbaren Risiken bieten – zum Beispiel beim Balancieren oder Klettern. Unsichtbare Gefahren durch morsche, verschlissene oder schlicht fehlerhaft konstruierte Geräte oder gefährliches Terrain sind jedoch zweifelsohne zu vermeiden. Gerade die schweren Unfälle resultierten häufig aus umstürzenden Fußballtoren oder Einmastgeräten, deren Standpfosten brachen. Diese nicht sichtbaren Gefahrenpunkte müssen unbedingt erkannt und ausgeschlossen werden. Erkennbare Risiken – etwa Hochstellen oder schwierig zu überwindende Hindernisse – sind hingegen nicht nur akzeptabel, sondern ausgesprochen zu empfehlen.

Spielplatzprüfungen und Spielplatzsicherheit sind deshalb für die Betreiber selbst oft ein Balanceakt. (Rechts-)Sicherheit für sie selbst und die eigenen Bürger müssen vereint werden mit Spielplätzen, die Kinder mit Spaß zu Selbstständigkeit und individueller Entwicklung motivieren. In diesem komplizierten Umfeld unterstützt Sie TÜV SÜD: in der Planungsphase neuer Spielplätze, bei der Abnahme von Spielgeräten und Sonderbauten sowie in der laufenden Instandhaltung und Pflege. Für all diese Facetten ist TÜV SÜD Ihr erfahrener, unabhängiger Sicherheitspartner. 


  1Danner, F., Unsere Spielplätze sind zu sicher, G+L Garten und Landschaft (DGGL) 03/2020, S. 49 ff.
  2Sandseter, E., Children’s Risky Play from an Evolutionary Perspective: The Anti-Phobic Effects of Thrilling Experiences, www.epjournal.net, 2011, 9(2): S. 257–284.
  3Wyver, Bundy et al., Safe outdoor play for young children: Paradoxes and consequence, AARE Annual Conference, Melbourne, 2010.


 

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