Wählen Sie ein anderes Land, um sich über die Services vor Ort zu informieren

//Land auswählen

Der TÜV SÜD Lebensmittel-Profi

Melden Sie sich für den für Sie passenden TÜV SÜD Newsletter an.

Lebensmittelbetrug, das große Branchenproblem – oder doch nicht?

Lebensmittelbetrug ist das Thema, das die Branche aktuell am meisten bewegt, so scheint es. Die Realität sieht jedoch etwas anders aus – ein Rückblick auf den 8. Food Safety Kongress.

Über 200 Teilnehmer von Standardgebern, Produzenten, aus dem Lebensmitteleinzelhandel und Rechtsfachleute diskutierten über das Kernthema des 8. Food Safety Kongresses: Food Fraud. Entsprechend der medialen Aufmerksamkeit ist Lebensmittelbetrug aktuell die zentrale Herausforderung der Branche – zu Unrecht, meinen die Experten.

Lebensmittelbetrug in Europa

Grundsätzlich existiert die Problematik natürlich, und es wird nie gelingen, Betrug völlig auszuschließen. Verfügt jemand über ein gewisses Maß an krimineller Energie, ist ihm selbst mit durchdachten Methoden – auch mit denen des Auditors – schlicht nicht beizukommen. Wird systematisch und gezielt betrogen, lässt sich das nur zufällig entdecken, ein Blick in die Presse, Stichwort: Abgas, genügt. Aber wie groß ist „der Lebensmittelbetrug“ in Europa wirklich? Experten gehen davon aus, dass pro Jahr eine Million Liter gefälschte Getränke und rund 10.000 Tonnen andere gefälschte Lebensmittel auf den europäischen Markt gelangen. Zur besseren Einordnung: Alleine der größte deutsche Bierhersteller produziert knapp 550 Millionen Liter Bier per annum; zudem wurden 2014 hierzulande rund 12,4 Milliarden Liter Mineralwasser abgefüllt. Der Lebensmittel-Verbrauch ohne Getränke liegt in Deutschland bei ungefähr 40 Millionen Tonnen; im ersten Quartal 2016 wurden in den 16 Bundesländern zwei Millionen Tonnen Fleisch erzeugt. Im Vergleich dazu ist die Menge an gefälschten Produkten, die ihren Weg auf den europäischen Markt finden, also doch relativ gering.

Das meistgefälschte Produkt ist OlivTuev-Sued-Lebensmittelprofi4enöl, das sehr häufig mit Haselnussöl gepanscht wird. Das hat      gesundheitlich und sensorisch keine negativen Konsequenzen – Haselnussöl ist ernährungsphysiologisch genauso wertvoll wie Olivenöl und macht es geschmacklich sogar etwas milder. Damit nehmen es Verbraucher sogar als besser wahr. Trotzdem ist es eine Fälschung. Auch Pferdefleisch ist an sich nicht verbrauchergefährdend, und eigentlich genauso hochwertig wie Rindfleisch. Ein Produkt gehört aber entsprechend ausgezeichnet. Denn viele Verbraucher entscheiden sich bewusst dagegen, Pferdefleisch in ihren Speiseplan aufzunehmen. Falsche Herkunftsangaben sind ebenfalls eine der Top-Betrugsmaschen und chemisch-analytisch nur in den seltensten Fällen nachweisbar.

Laut Definition ist Lebensmittelbetrug auf eine Steigerung der Marge, also auf den finanziellen Aspekt ausgerichtet – und das meist langfristig. Kriminelle haben deshalb ein Interesse daran, ihren Betrug möglichst lange geheim zu halten. Deshalb sind gefälschte Lebensmittel meistens nicht gesundheitsgefährdend. Methanol im Schnaps und Melamin in Milchpulver sind definitionsgemäß kein Betrug, sondern Sabotage beziehungsweise Terrorismus und gehören damit in den Bereich Food Defence. Zusammengefasst, und so auch der Tenor auf dem Food Safety Kongress, ist Lebensmittelbetrug zwar ein reales Problem, allerdings ist es bei Weitem nicht so groß, wie es die aktuelle Debatte und die Medienpräsenz vermuten lässt.

Wie können Auditoren Betrug eindämmen?

Lebensmittelzertifizierungen sind ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Betrug. Und die Aufgabe von Auditoren ist es, Lebensmittelbetrug einzudämmen und ein Umfeld zu schaffen, das ihn erschwert. So prüft ein Auditor etwa das Vorsorgesystem des Unternehmens zum Schutz vor Lebensmittelbetrug gemäß dem jeweiligen Standard. Nach IFS werden zugekaufte Produkte anhand der vorliegenden Spezifikationen auf ihre Authentizität geprüft, basierend auf der Gefahrenanalyse und Risikoeinschätzung. Unternehmen sind angehalten, einen Kontrollplan zu erstellen und kontinuierlich zu aktualisieren – auf Grundlage der Gefahrenanalyse, Risikoeinschätzung und interner oder externer Informationen über Produktrisiken, die einen Einfluss auf die Lebensmittelsicherheit und/oder Qualität haben könnten. Laboranalysen und eine Lieferantenbewertung dürfen ebenfalls nicht fehlen. Bei der Vor-Ort-Prüfung inspiziert der Auditor sämtliche Dokumente sowie alle Räumlichkeiten, nimmt die Mengenbilanz unter die Lupe, analysiert die Spezifikationsüberwachung, befragt Mitarbeiter und durchleuchtet die Bücher. Er hat ein tiefes Wissen über bekannte Betrugsfälle und -schemata und identifiziert betrugsverdächtige Produkte. Damit leisten Auditoren ihren Beitrag dazu, Lebensmittelbetrug so gering wie möglich zu halten. Trotzdem muss man konstatieren: Die meisten Auditoren werden niemals einen bisher unbekannten Lebensmittelbetrug enthüllen und kriminelle Machenschaften aufdecken. Allerdings, und das bestätigt auch die Praxis, ist der Bereich Lebensmittelreinheit und -sicherheit ohnehin viel wichtiger. Denn deutlich häufiger als auf Betrug stoßen Auditoren auf Verderb, Fremdkörper in den Lebensmitteln, defekte Verpackungen oder Pathogene. Und hier spielen Auditoren ihre Stärken aus. Deshalb sind sich Branchenkenner auch einig: nicht zu sehr mit dem Komplex Lebensmittelbetrug verzetteln, sondern lieber für sichere, reine Lebensmittel sorgen.

Vom Qualitätsmanager zum Food-Compliance-Manager

Der Food Safety Kongress hatte aber noch mehr zu bieten. Zum Beispiel das Thema Food Compliance. Das Anforderungsprofil für den Qualitätsmanager in Lebensmittelunternehmen wandelt sich im Augenblick hin zum „Food-Compliance-Manager“. Die Erfüllung der Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Dazu gehören Tierschutz und Tierwohl, Sozialstandards und ethische Belange, Umweltauflagen und Nachhaltigkeit. Hier geht es nicht nur um gesetzliche Vorgaben, es müssen auch unausgesprochene Erwartungen der Verbraucher berücksichtigt sein. Diese Belange finden in den Lebensmittelstandards steigende Beachtung.

Unangekündigte Audits

Ein weiterer Dauerbrenner und Teil vieler Diskussionen: unangekündigte Audits. Die Eigner der Zertifizierungsstandards wollen die Lebensmittelsicherheit über dieses Instrument weiter verbessern. Diese Maßnahme stößt auch in der Wirtschaft auf breite Zustimmung, und die Einführung ist nur eine Frage der Zeit. Der Vorteil liegt auf der Hand: Viele Prozesse müssen zwar jeden Tag funktionieren, ob der Auditor vor Ort ist oder nicht, trotzdem können sich Unternehmen künftig nicht einfach auf einen bestimmten Tag X vorbereiten. Der Auditor erhält im unangekündigten Audit ein absolut realistisches Bild. Allerdings lauert in diesen spontanen Prüfungen eine ganz besondere Herausforderung. Unternehmen sind in der Pflicht, jederzeit sicherzustellen, dass Auditoren – wenn sie plötzlich vor der Tür stehen – auf alle Fragen Antwort gegeben werden kann. Beispielsweise von Qualitäts- und Hygienebeauftragten sowie Produktionsleitern. Sind die entsprechenden Personen aber am Tag des unangekündigten Audits nicht vor Ort, kann es passieren, dass wichtige Fakten von Unternehmensseite falsch dargestellt werden. Und das führt gegebenenfalls zu nachteiligen Ergebnissen. Insofern müssen Lebensmittelproduzenten in die Verfügbarkeit von Wissen investieren und es auf verschiedene Köpfe verteilen, damit sie das Lebensmittelsystem jederzeit komplett darstellen können.

Mein Fazit: Der Food Safety Kongress ist und bleibt die wichtigste Branchenveranstaltung, und die Qualität der Kontakte sowie der Diskussionen nimmt stetig zu. Die Kehrseite ist, dass die Veranstaltung leider aktuell nicht mehr wächst. Trotzdem: Hier bietet sich die Möglichkeit, mit allen Stakeholdern aktuelle Themen zu besprechen, um sie – wie im Falle des Lebensmittelbetrugs – richtig einordnen zu können. Die Branche steht vor einigen Herausforderungen, die größte ist und bleibt – entgegen der medialen Aufmerksamkeit für das Thema Lebensmittelbetrug – die Lebensmittelsicherheit im Sinne von einer sauberen Herstellung hochwertiger Produkte.

Andreas-Daxenberger-tsTÜV SÜD Experte: Dr. Andreas Daxenberger
Leiter Geschäftseinheit Lebensmittel/Futtermittel
TÜV SÜD Management Service GmbH

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit

Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit

Mit Sicherheit mehr Genuß. Mit Sicherheit mehr Erfolg. Übersicht unserer Zertifizierungsleistungen.

Erfahren Sie mehr

Wie können wir Ihnen helfen?

WORLDWIDE

Global

Americas

Asia

Europe

Middle East and Africa